Das Trauerspiel von Afghanistan
Der US-Geführte Krieg am Hindukusch geht im Herbst in sein neuntes Jahr. Nachdem die NATO im Jahr 2001 nach den Anschlägen vom 11. September den Bündnisfall erklärte, schlug die Allianz zu. Siegessicher kündigte die damalige Bush-Regierung schnelle Erfolge im Kampf gegen die Taliban an.
Doch Bush´s „Kreuzzug“ entwickelt sich langsam aber sicher zum Scheiterhaufen arroganter US-Politik. Die Taliban, welche von Donald Rumsfeld als „feige Steinzeitmenschen“ bezeichnet wurden, die sich angeblich beim Anblick eines B-52 Bombers wie die „Ratten in ihre Löcher verkriechen“ würden, erwiesen sich als tapfere Kämpfer. Inzwischen kontrollieren sie 70% Afghanistans und verwickeln das Bündnis immer öfter in schwere Gefechte. Selbst die größte US- Offensive seit dem Vietnamkrieg im Juli dieses Jahres vermochte es nicht die Lage zu Gunsten der NATO zu verschieben. In einem Artikel, der am 23. August in der New York Times veröffentlicht wurde, heißt es dazu: "Das Militär hat nicht einmal die Truppenstärke, um wenigstens den Versuch unternehmen zu können, einige wichtige Ballungszentren und Guerilla-Stützpunkte im Zentrum und im Süden Helmands zu sichern. Und es hat kaum genug Kräfte, um in der gesamten Region Verhältnisse zu schaffen, die die Lebensbedingungen der Afghanen merklich verbessern würden. Das würden die amerikanischen Kommandeure sowieso lieber den afghanischen Behörden überlassen."
Allein in der ersten Augustwoche wurden nach den Worten des Kommandeurs der US-Truppen im Nahen und Mittleren Osten, General David Petraeus, mehr als 400 Angriffe von Aufständischen verzeichnet. Das sei die höchste Zahl seit dem Angriff auf Afghanistan im Herbst 2001. Im Juni vergangenen Jahres habe man wöchentlich noch etwas weniger als 250 Taliban-Angriffe gezählt, im Januar 2004 seien es weniger als 50 pro Woche gewesen, sagt ein Sprecher des Vier-Sterne-Generals.
Die jetzige US-Regierung steht nun kurz davor, eine weitere große Eskalation des Krieges in Afghanistan anzukündigen. Die Militärführung erklärt, dass der Aufstand der Taliban in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten eingedämmt werden müsse, um eine demütigende Niederlage zu verhindern.
Der Befehlshaber der US- und Nato-Streitkräfte in Afghanistan, General Stanley McChrystal, ist bemüht mittels der Medien den Mainstream auf die Entsendung weiterer Soldaten einzustimmen. In einem Interview mit dem Wall Street Journal vom 17. August 2008 mit dem Titel "Die Taliban auf der Siegesstraße", erklärt McChrystal: „Der Konflikt befinde sich an einem kritischen und entscheidenden Punkt. Die Taliban sind zurzeit ein sehr aggressiver Feind und unsere Streitkräfte haben im Grunde nur noch zwölf Monate Zeit um deren Schwung und Initiative zu stoppen.“
McChrystal legt seine Pläne zwar nicht offen, aber nicht genannte Beamte, die an dem Bericht beteiligt sind, geben gegenüber dem Wall Street Journal Details der Vorschläge preis. So soll zum Beispiel die afghanische Armee um das Doppelte von 135.000 auf 240.000 Mann und die Polizei von 82.000 auf 160.000 Mann aufgestockt werden.
Auch die langfristige Stationierung von bis zu 10.000 weiteren US-Soldaten, die als Ausbilder beim Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte fungieren sollen, ist geplant. Die meisten Analysten sind der Meinung, dass dieser Prozess bis zu seinem Abschluss mindestens fünf Jahre dauert.
Außerdem sollen zwei bis acht zusätzliche Kampfbrigaden (10.000 – 60.000 Mann) stationiert werden. Das Wall Street Journal hebt Befürchtungen innerhalb des Militärs hervor, dass die Aufständischen während der gegenwärtigen Operation in der Provinz Helmand aus Mangel an Soldaten größtenteils entkommen seien.
Eine weitere Information ist zur McClatchy-Newspapers-Gruppe durchgesickert. Demnach beabsichtigt McChrystal zusätzlich bedeutend mehr US-Regierungsangestellte in unterschiedlichen Beratungsfunktionen anzufordern. Das Kontingent an Zivilangestellten in Afghanistan wird von 560 Ende 2008 auf 1000 Ende dieses Jahres und auf bis zu 1350 bis Mitte 2010 anwachsen. Im Wesentlichen wird ihre Rolle darin bestehen, ganze Ressorts der Vasallenregierung in Kabul zu leiten.
Es ist davon auszugehen, dass die Vorstellungen McChrystals mit Nachdruck vom Chef des Führungsstabs General David Petraeus unterstützt werden, der für den US-"Surge" im Irak verantwortlich war.
Anthony Cordesman, ein hochrangiger außenpolitischer Analyst am Center for Strategic and International Studies (CSIS), beschreibt in einem Artikel seine Sicht der Dinge am Hindukusch. Cordesman wurde von McChrystal eingeladen um an der Vorbereitung seines Berichts mitzuarbeiten. Am 10. August veröffentlichte er seine Schlussfolgerungen in der britischen Times unter der Überschrift "Mehr Truppen, weniger Vorbehalte - lasst uns zur Sache gehen.“

Cordesman verurteilt die Blauäugigkeit der damaligen Bush-Regierung, die den Taliban-Widerstand völlig unterschätzt habe. Ebenso richtet sich seine Kritik gegen die NATO-Staaten. Diese haben seiner Meinung nach nicht genügend Truppen zur Verfügung gestellt bzw. deren Einsatz beschränkt. Washington und die NATO haben es dem "Feind seit mehr als fünf Jahren erlaubt, die Initiative zu ergreifen“, erklärt er.
Zusätzlich bezeichnet Cordesman die afghanische Regierung als "korrupt und überzentralisiert.“ Darüber hinaus betitelt er zynisch den Präsidenten Hamid Karzai als „Bürgermeister von Kabul der in den größten Teilen Afghanistans faktisch keine Macht inne hat.“ Weiter kritisiert er den internationalen Aufbau und die Hilfe für Afghanistan scharf als "dysfunktionalen und verschwenderischen Schlamassel, der von bürokratischen Streitigkeiten gelähmt wird".
Die Folge sei, dass die "Taliban sich von einer besiegten Truppe von Exilanten zu einer Kraft entwickelt haben, die die NATO und die afghanische Regierung zu besiegen droht", so Cordesman. Die Aufständischen haben die Zahl der Distrikte, die sich unter ihrer Kontrolle befinden, von 30 im Jahr 2003 auf 160 Ende 2008 erhöht. Ihre Angriffe auf die Besatzungsstreitkräfte sind zwischen Oktober 2008 und April 2009 sprunghaft um 60 Prozent gestiegen. 75 US- und Nato-Soldaten wurden im Juli getötet, die höchste Zahl im gesamten Krieg, Hunderte weitere wurden verwundet. In der ersten Augusthälfte hatten bereits 27 Soldaten ihr Leben verloren.
Cordesman schlägt als Gegenmittel die Entsendung von "drei bis neun zusätzlichen Kampfbrigaden" und die Verdoppelung der afghanischen Armee und Polizei vor. Außerdem plädiert er dafür härtere Maßnahmen gegen pakistanische Stämme zu ergreifen, die die afghanischen Aufständischen unterstützen: „Die pakistanische Regierung ist unfähig das Stammesgebiet unter ihre Kontrolle zu bringen.“ Cordesman bezeichnet dieses Areal als „Ho-Chi-Minh-Pfad des Afghanistankrieges“ und fordert“ kompromissloses militärisches Vorgehen“. Von den Regierungen der NATO verlangt Cordesman ihren Völkern klar zu machen, dass der Krieg in Afghanistan "ein langfristiges Engagement" erfordert.
Dass ein Sieg über die Taliban überhaupt möglich ist, wird von den meisten Militärexperten inzwischen bezweifelt. Bereits im Oktober 2008 erklärte der britische Brigadegeneral Carleton-Smith in der Sunday Times den Krieg für verloren: "Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen“, so Carleton-Smith.
Neben Tausenden von Todesopfern werden die finanziellen Kosten des Kriegs gewaltig sein. Seit 2001 hat Afghanistan das US-Finanzministerium schon zirka 223 Milliarden Dollar gekostet. Michael O’Hanlon von der Brookings Institution stellt diesen Monat gegenüber der Washington Post klar, dass allein die Kosten der Militäroperationen im Verlauf des kommenden Jahres höchstwahrscheinlich auf 100 Milliarden US-Dollar in die Höhe schießen würden. Bing West, ein ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister, schätzt: "allein die afghanischen Streitkräfte brauchen zusätzlich vier Milliarden US-Dollar im Jahr und dies über einen Zeitraum von zehn Jahren".

Trotz der Krise des US-Haushalts wird der Kongress einer Ausweitung des Krieges sehr wahrscheinlich ohne Probleme zustimmen. Im Mai unterschrieben siebzehn demokratische und republikanische Senatoren des Streitkräfteausschusses einen gemeinsamen Brief an Obama, in dem eine Verdoppelung der afghanischen Armee gefordert wird - was notwendigerweise die Entsendung von mehr US-Ausbildern erfordern würde.
In dieser Woche forderte der republikanische Senator Lindsey Graham die demokratische Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses auf, sich den Republikanern anzuschließen und für einen Antrag auf Erhöhung der Finanzen für den Krieg zu stimmen: "Lasst uns Afghanistan nicht „ver-Rumsfelden“!" Damit spielt er auf den Verteidigungsminister der Bush-Regierung an, der die Besatzung des Iraks mit weniger als der Hälfte der Soldaten durchführen wollte, als von den hochrangigen Generälen gefordert wurde.
Graham appellierte an die Demokraten: "Lasst uns diese Sache nicht auf die billige Tour fahren. Lasst uns genug Kampfkraft und Engagement auf breiter Front einsetzen, um sicherzugehen, dass wir erfolgreich sind. Offen gestanden, wir müssen viel verlorenen Boden zurückgewinnen."
Die wichtigste Reaktion auf McChrystals Pläne kam von der Obama-Regierung. Verteidigungsminister Robert Gates und der Nationale Sicherheitsberater General James Jones erklärten bei mehreren Gelegenheiten: „der Präsident habe nicht ausgeschlossen mehr Soldaten zu schicken.“
Allein die Tatsache, dass Obama keinen Versuch macht, die Spekulationen über mehr Truppen zu beenden, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass schon eine Entscheidung gefallen ist. Die USA sind gewillt ihren Krieg, allen düsteren Aussichten zum Trotz, fortzusetzen. Sie werden weiter das Ziel verfolgen Afghanistan zu einer Operationsbasis für ihre geopolitischen Interessen in Zentralasien umzugestalten.
Der bekannte Verteidigungsexperte Magnus Norell attestiert der US-Regierung in diesem Kontext Uneinsichtigkeit und betont die Differenzen zwischen der politischen Führung auf der einen Seite und der militärischen auf der anderen. Konkret sagte er in der skandinavischen Zeitung Göteborgs – Posten: "Nichts deutet darauf hin, dass die USA den Krieg in Afghanistan mit mehr Soldaten gewinnen können. Trotzdem will der US-Präsident Obama die Zahl der amerikanischen Soldaten auf 70.000 verdoppeln. Da fehlen nur noch weitere 30.000, dann wären es so viele, wie einst die Sowjetunion einsetzte - um 1989 trotzdem eine vernichtende Niederlage zu erleiden. Weder die US-amerikanische noch die britische Militärführung glauben, dass sich der Krieg in Afghanistan mit militärischen Mitteln gewinnen lässt. Die Entwicklung des Kriegs gibt ihnen recht.“
Norell empfiehlt Präsident Obama vor seiner offiziellen Entscheidung für eine Ausweitung des Krieges, Theodor Fontanes „Trauerspiel von Afghanistan“ zu lesen. Dieses berühmte Gedicht beschreibt die britische Niederlage im Jahre 1848 am Hindukusch und endet mit dem Vers:
"Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan."


