Kommentar: Die USA und die Atomwaffen
Nichts hat die Welt im Jahr 2009 mehr überrascht als die Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten Barack Obama, den man selbst bei größter gedanklicher Anstrengung und politischer Einfalt nicht mit Frieden zu assoziieren vermag. Es verhält sich so, als hätte man den chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao für seinen selbstlosen Einsatz für die Menschenrechte geehrt. Obama hat den Frieden jedoch vollkommen neu definiert, um die blutigen Kriege, die er führt, mit dem Frieden als höherem Ziel zu vereinbaren. Teil dieser US-amerikanischen Definition ist der Krieg als obligatorisches Mittel zum vermeintlichen Zweck "Frieden". Jeder tote Afghane, Iraker, Pakistaner und nun wohl auch Jemenit wird so zum unvermeidlichen Opfer für den imaginären Weltfrieden.
Der US-Präsident wurde allerdings nicht für die vielen Toten in Afghanistan, Pakistan und dem Irak geehrt, obwohl ihre Zahl eine beachtliche Leistung darstellt, sondern für seine Initiative zur Abschaffung der Atomwaffen. Ob dies ein besserer Grund ist, Obama den Friedensnobelpreis zu verleihen, wird durch die Tatsache beantwortet, dass die USA der einzige Staat sind, der die Atombombe jemals zum Einsatz gebracht hat. Die USA wurden für den Abwurf der Atombomben nie international zur Verantwortung gezogen, geschweige denn davon abgehalten, jemals wieder in den Besitz von Atomwaffen zu kommen, obwohl dies die logische Konsequenz hätte sein müssen. Der Bußweg nach Canossa bzw. nach Hiroschima und Nagasaki blieb bis heute aus, während andere Staaten für ihre vergangenen Sünden, wie etwa Deutschland, das Büßerhemd nicht mehr ablegen dürfen. An den jährlichen Gedenkfeiern in Japan nehmen die USA nicht teil. Die Atombombe wurde also weder von der ehemaligen Sowjetunion, die sich mit den USA ein atomares Wettrüsten lieferte, noch von Pakistan oder dem Iran abgeworfen, die heute von den USA als größte atomare Bedrohung hingestellt werden.
Da der Iran und Pakistan islamische Länder sind, ist die gedankliche Verknüpfung einer atomaren Bedrohung mit dem Islam unvermeidlich und zudem beabsichtigt. Mit politischem Kalkül wurde der Islam zur nuklearen Gefahr verunglimpft, obwohl es zur Zeit überhaupt keinen Staat gibt, der nach den Gesetzen des Islam regiert und die Scharia, das Schreckgespenst des Westens, anwendet. Die Staaten, die der Westen anführt, sind alles andere als islamisch regierte Staaten, sondern Länder, in denen vom Westen eingesetzte Vasallen herrschen – allen voran Pakistan. All diese Länder sind weit davon entfernt, als islamische Staaten bezeichnet werden zu können. Selbst der Iran als so genannter "Gottesstaat" ist entgegen westlicher Vorstellungen kein islamischer Staat. Es kann nur einen einzigen islamischen Staat geben, und dieser ist das Kalifat, in welchem ausschließlich mit den Gesetzen Allahs regiert wird, ohne sich durch Ayatollahs eine islamische Fassade aufsetzen zu müssen. Als das Kalifat existierte, gab es noch keine Atomwaffen, und jetzt, da es Atomwaffen gibt, existiert kein Kalifat mehr, dem man vorwerfen könnte, eine nukleare Bedrohung darzustellen.

Hiroschima nach dem Abwurf der Atombombe
Strenge Kriterien im Umgang mit Atomwaffen fehlen dem Westen. Die Welt sollte sich weniger davor fürchten, dass das kommende Kalifat möglicherweise im Besitz von Atomwaffen sein wird, sondern davor, dass die USA nukleare Waffen besitzen, während sie den meisten anderen Staaten das Recht hierzu absprechen. Als US-Präsident Harry S. Truman den Abwurf der Atombombe auf Hiroschima und Nagasaki anordnete, war Japan längst kapitulationsbereit. Japan ahnte nichts von der nuklearen Bedrohung, da der Angriff ohne konkrete Vorwarnung und Ankündigung erfolgte und es kein klares Ultimatum der USA gab, das Japan hätte in die Lage versetzen können, den atomaren Angriff auf diplomatischem Weg zu verhindern. Im Gegenteil, untersucht man die politische Vorgehensweise der amerikanischen Führung kurz vor dem Abwurf, wird klar, dass die USA eine Abwendung des Angriffs auf diplomatischem Wege verhindern und die Atombombe unbedingt austesten wollten. So gab der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 26. Juli 1945 im Namen der USA, der Republik China unter Chiang Kai-shek und des Vereinigten Königreichs die so genannte Potsdamer Erklärung ab, in der er die japanische Führung in vagen, allgemein formulierten Worten zur bedingungslosen Kapitulation aufforderte.
In der Erklärung hieß es: "Die volle Anwendung unserer militärischen Macht, gepaart mit unserer Entschlossenheit, bedeutet die unausweichliche und vollständige Vernichtung der japanischen Streitkräfte und ebenso unausweichlich die Verwüstung des japanischen Heimatlandes." Man werde Japan vollständig besetzen, seine Führung absetzen und ausmerzen, Demokratie einführen, Kriegsverbrecher bestrafen, Japans Gebiet auf die vier Hauptinseln begrenzen, Reparationen fordern. Dazu werde man die japanische Industrie erhalten und ihr später wieder Teilnahme am Welthandel erlauben: Die Alternative für Japan ist sofortige und völlige Zerstörung.
Die Erklärung enthielt kein Wort von einer neuen Superwaffe mit enormer Sprengkraft, die einsatzbereit sei, und kein Wort vom potentiellen Zerstörungsausmaß dieser Bombe. Sie liest sich eher als Propagandaschrift, wie sie zwischen Kriegsparteien üblich ist. Zudem ergänzte man die Erklärung mit einem geplanten Nachkriegsszenario, das Japan jede Souveränität und Würde nahm - als ob man die japanische Führung zu einer Ablehnung regelrecht anstiften wollte.
Die USA setzten die Atombombe also nicht als Druckmittel gegen Japan ein, sondern um diese am lebenden Objekt zu testen. Aus diesem Grund wurden Hiroschima und Nagasaki als Ziele ausgewählt, weil beide Städte vom Krieg noch weitgehend verschont waren und sie die Vernichtungskraft der Atombombe hervorragend demonstrieren konnten.
Bis heute haben die USA kein Interesse daran, die Atomwaffen vollständig abzuschaffen. Den Friedensnobelpreis bekam Obama lediglich für ungelegte Eier, weil er von einer atomwaffenfreien Welt faselte und die Ratifizierung des UN-Vertrags zum Verbot von Atomwaffentests – nicht etwa Atomwaffen – in den USA nur ankündigte.
Bei Atomwaffen geht es nicht um die Frage ihrer Abschaffung, denn einmal erfunden sind ihre Existenz und ihr Besitz so gut wie nicht mehr rückgängig zu machen, sondern um die Frage des verantwortlichen Umgangs mit Massenvernichtungswaffen. Die USA haben bereits bewiesen, dass sie zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Atomwaffen nicht in der Lage sind. Sie sind also die Letzten, die den Muslimen vorwerfen dürfen, eine nukleare Bedrohung darzustellen, zumal der Islam viel strengere Kriterien in Bezug auf Massenvernichtungswaffen an den Tag legt.

Nagasaki nach dem amerikanischen Atombombenabwurf

Obama bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises


