
Kommentar: Die (un)aufgeklärten Argumente zur Einschränkung der muslimischen Religionsfreiheit
Es wurde schon viel über das Mineratt-Verbot in der Schweiz gesagt und geschrieben. Natürlich hängt die Praktizierung des Islam in Europa nicht vom Bau von Minaretten ab. Sie stellen keine islamische Pflicht dar, so dass die Muslime auf ihren Bau verzichten könnten. Das Problem liegt aber gar nicht so sehr darin, dass in der Schweiz lebende Muslime von nun an auf Minarette verzichten müssen. Bei gerade einmal vier Minaretten, die es in der Schweiz gibt, sind die meisten Muslime ohnehin nicht an Moscheen mit Minaretten gewöhnt.
Nicht der Verzicht auf Minarette ist das Problem, sondern die Besorgnis erregende Entwicklung in Europa, der durch das Referendum in der Schweiz "demokratisch" zum Ausdruck gebracht wurde. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy fasste diesen europäischen Trend gegen den Islam in der Zeitung "Le Monde" zusammen: "Anstatt das Schweizer Volk endgültig zu verurteilen, sollten wir auch verstehen, was es ausdrücken wollte und was so viele Völker in Europa fühlen, darunter das französische Volk."
Das Minarett-Verbot ist zum Präzedenzfall in Europa geworden und spiegelt das europäische Islambild wieder, denn in vielen europäischen Ländern fragte man sich, wie wohl bei ihnen ein solcher Volksentscheid ausfallen würde, anstatt Anstoß an dem Verbot zu nehmen. Man kann vor allem sicher sein, dass dies nur der Anfang war. Es ist ein Vortasten, wie weit man überhaupt gehen kann, die "Religionsfreiheit" der Muslime einzugrenzen. In Frankreich, das zur Zeit über ein Verbot des Gesichtsschleiers nachdenkt, wurde durch das Minarett-Verbot eine Debatte über neue Moscheebauten ausgelöst.
Die Muslime in Europa hätten ohnehin nichts zu melden, weil Christen in der islamischen Welt ebenfalls unterdrückt seien – so die Reaktion auf die Kritik der Muslime am Minarett-Verbot. Als Beispiel wird der Irak angeführt, wo nach dem Sturz Saddam Husseins Christen getötet wurden oder aber flüchten mussten. Im heutigen Irak herrscht jedoch kein Normalzustand, um als Argument dienen zu können. Seit der Okkupation durch die USA starben ebenso unzählige Muslime – Sunniten und Schiiten gleichermaßen – oder mussten fliehen. Der Tod von Menschen ist dort noch immer an der Tagesordnung, und zwar unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit.
Weder der Muslim noch der Christ ist im Irak wirklich seines Lebens sicher. Auch die Türkei und der Umgang mit den Christen dort wird gerne als Beispiel angeführt. In der Türkei kann allerdings niemand seine Religion richtig ausüben. So gilt an Universitäten ein Kopftuchverbot für muslimische Frauen, das weitaus schlimmer wiegt als das Minarett-Verbot in der Schweiz, weil das Kopftuchverbot eine islamische Pflicht betrifft. Das heißt, selbst die Muslime sind gegen Diskriminierung und Unterdrückung in der Türkei nicht gefeit. Darüber sollten sich die Muslime mehr Gedanken machen als über das Minarett-Verbot in der Schweiz.

Moschee von Petit-Saconnex in Genf
Es geht hier aber gar nicht so sehr darum, die Frage zu erörtern, ob Christen in der islamischen Welt unterdrückt werden und inwiefern sie ihre Religion ausüben können. Vielmehr geht es um die Argumentationsweise selbst, weil Europa im Gegensatz zu den islamischen Ländern die Demokratie als Aushängeschild hat und Freiheit als eine wesentliche Idee der Demokratie propagiert – auch die Religionsfreiheit. Aus dem angeführten Argument ist zu verstehen, dass es legitim sei, die Muslime in Europa zu diskriminieren, weil Christen in der islamischen Welt ebenfalls unterdrückt seien. Das "aufgeklärte" Europa argumentiert mit islamischen Ländern, die durchweg Diktaturen darstellen.
Befürworter des Minarett-Verbots, die zur gleichen Zeit Vertreter der Demokratie sind, beziehen sich auf Diktaturen, um das Vorgehen gegen die Muslime in Europa zu rechtfertigen bzw. die Kritik der Muslime zu unterdrücken. Für Europa ist diese Argumentationsweise ein absolutes Armutszeugnis. Denn entweder ist man von der Demokratie überzeugt und wendet seine Überzeugung ohne Unterschied auf alle Menschen an, oder aber man gibt offen zu, dass man nicht gewillt ist, den Muslimen die Religionsfreiheit zuzugestehen, ohne dabei irgendwelche demokratischen Scheinargumente vorzubringen, wie etwa, dass das Verbot auf der Basis einer demokratischen Mehrheitsentscheidung zustande kam.
Im Unterschied zu den Nichtmuslimen, deren Verhältnis zu den Muslimen immer von ihrem jeweiligen Islambild und dem Grad ihres Islamhasses abhängt und nicht von ihren demokratischen Überzeugungen, ist der Umgang der Muslime mit Christen und anderen Nichtmuslimen islamisch genau festgelegt, und zwar unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung zum Christentum oder der politischen Situation. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen hängt nicht von irgendwelchen politischen oder gesellschaftlichen Umständen ab, sondern von den Vorgaben des Islam, um die sich beispielsweise ein Staat wie die Türkei nicht schert.
Unter der islamischen Herrschaft sah es selbstverständlich anders aus als in der Türkei. Beispielhaft ist das Edikt, bekannt als Ahdnama, das Sultan Muhammad al-Fatih, der Eröffner Konstantinopels, 1463 erließ, worin er den Christen Bosniens garantierte, in Freiheit und Frieden im Kalifat leben zu können. Das Problem der Christen in der islamischen Welt besteht folglich in der fehlenden Umsetzung des Islam und weniger in der Einstellung der Muslime zu den Christen. Es wäre behoben, wenn der Westen nicht ständig die Umsetzung des Islam in der islamischen Welt verhindern würde. Anders stellt es sich für die Muslime in Europa dar. Ihr Problem besteht hauptsächlich in der ablehnenden Haltung der Menschen gegenüber dem Islam.
Hass und Ablehnung spiegeln sich in den Argumenten wider, die von der Islamisierung eines Landes wie der Schweiz über die Diskriminierung der Christen in der islamischen Welt bis hin zur Veränderung des Ortsbildcharakters durch Minarette reichen. Letzteres dient der FPÖ inzwischen als Argument, denn die Partei plant nach dem Vorbild der Schweiz auch in Österreich einen Antrag zum Minarett-Verbot einzureichen, um mit dem europäischen Anti-Islam-Trend mitzuhalten. Bei Argumenten wie diesen macht ein Disput zwischen Muslimen und Nichtmuslimen keinen Sinn. Denn was erwartet man von den Muslimen? Sollen sie einräumen: "Ja, wir unterdrücken die Christen in der islamischen Welt"? Welche Konsequenzen zöge dann das "aufgeklärte" Europa? Ist dies tatsächlich eine Rechtfertigung dafür, die Muslime in Europa zunehmend zu unterdrücken?


